Grips statt Gips

Ein Plädoyer für Platten aus nachwachsenden Rohstoffen – gesund und umweltschonend

Schnelle Lösungen für wenig Geld – wer möchte das nicht? Aber sie sollten auch gut sein: für uns persönlich, unsere Mitmenschen und unsere Umwelt.

Fast jeder hat schon einmal Gipskartonplatten in der Hand gehabt – im Baumarkt, zu Hause oder beim Innenausbau. Sie sind günstig. Jedenfalls, wenn man allein den Quadratmeterpreis betrachtet. Doch was steckt tatsächlich in der Platte? Und ist die günstigste Platte am Ende auch die günstigste Lösung?

Gipskartonplatten machen in Deutschland 40 bis 50 Prozent des gesamten Gipsverbrauchs aus. Bisher stammt ein großer Teil des benötigten Gipses aus den Rauchgasentschwefelungsanlagen der Kohlekraftwerke. Mit dem Kohleausstieg fällt dieser sogenannte REA-Gips zunehmend weg. Als Ersatz soll insbesondere Naturgips dienen. Mit rund fünf Millionen Tonnen pro Jahr verbraucht Deutschland pro Kopf mehr als doppelt so viele Gipsplatten wie die anderen EU-Länder. Der dafür benötigte Naturgips stammt aus besonders wertvollen Naturlandschaften und Wassereinzugsgebieten. Er wird vorwiegend im Tagebau abgebaut, wobei vor allem natürliche Laubwälder zerstört werden. Den Gipsverbrauch zu senken, bedeutet deshalb auch, diese Landschaften zu schützen.

Eine genauere Betrachtung lohnt sich zudem bei den Dämmeigenschaften. Während Gipskartonplatten nicht dämmend sind, bieten Platten aus nachwachsenden Rohstoffen (NawaRo) eine gute Dämmung gegen Kälte UND gegen Hitze. Bei Dämmwandsystemen mit Gipsbeplankung ist daher mehr Dämmmaterial nötig. Das wirkt sich auf die Gesamtkosten aus. Im Projekt „BauKlima kommunal“ der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und der Bildungswerkstatt Nachhaltigkeit (BiWeNa) stellten Expert*innen fest, dass Dämmwände mit NawaRo-Platten genauso teuer oder sogar günstiger sein können als solche mit Gipsplatten. Entscheidend ist also der Preis der gesamten Wandkonstruktion. Hinzu kommt: In nachwachsenden Rohstoffen bleibt während ihrer Nutzung viel Kohlenstoff gespeichert.

Auch beim Recycling lohnt es sich, genauer hinzusehen. Gips wird als vollständig wiederverwendbar beworben. Warum wird dann für neue Gipsplatten ein maximaler Recyclinganteil von 50 Prozent genannt? Als Begründung werden unter anderem Zusatzstoffe, sogenannte Additive, angeführt. Welche Stoffe das sind, wurde von Vertretern der Gipsbranche bisher nicht erklärt. Eine Kennzeichnung der Additive ist bei Baustoffen nicht vorgeschrieben. Wer Wert auf Wohngesundheit legt, sollte deshalb gezielt nach allen Inhaltsstoffen fragen.

Auch Platten aus anderen Rohstoffen, nachwachsend oder mineralisch, können Additive enthalten. Allerdings sollten Ökologische Baustoffhersteller nur natürliche Additive benutzen. So sind z.T. Kalke bei bestimmten NawaRo-Platten als Bindemittel eingesetzt statt synthetischen Klebern. Ökobaumärkte zeichnen sich durch qualifizierte Beratung und aussagekräftige Produktinformationen aus und stellen Prüfberichte bereit. Orientierung bieten auch Umweltzeichen wie natureplus oder der Blaue Engel, die hohe Anforderungen an Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit stellen.

Bauplatten aus Stroh, Hanf oder Holz können zu einem ressourcenschonenden Innenausbau und guter Raumluft beitragen. Dazu müssen aber durchgängig natürliche Produkte eingesetzt werden, also auch die auf die Wand aufgebrachten Putze und Farben. Sie müssen frei von synthetischen Zuschlagstoffen sein. Kalk- oder Lehmputze und mineralische Farben erhalten die feuchteregulierenden Eigenschaften der Wand, nämlich deren Diffusions- und Kapillaroffenheit. Das ist maßgeblich für ein gutes Raumklima.

Dass ökologische Baustoffe auch wirtschaftlich überzeugen können, zeigen Beispiele aus dem öffentlichen Bau. So wurde die Mauritiusschule in Halle in Holz-Lehmbauweise errichtet. Durch gute Vorplanung und die Zusammenarbeit aller Beteiligten konnte sie sogar günstiger gebaut werden als ein vergleichbarer konventioneller Bau.

Wer baut oder renoviert, sollte deshalb mehr vergleichen als den Preis einer einzelnen Platte. Geprüfte Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen können sich durch ihre Dämmwirkung und die Kosten der gesamten Konstruktion rechnen. Zugleich schonen sie Ressourcen und können zu gesundem Wohnen beitragen. Die Alternativen sind da. Nutzen wir sie!

 

Haselmaus-Infotafel

Ergänzende Informationen. Ein Projekt des BUND mit den Klassen 5 und 6 des Pädagogium Bad Sachsa.

Steinbruch Kohnstein, Niedersachswerfen, Fa. Kohnstein Bergwerks Gmbh (Wico/Wildgruber), Thüringen Blickrichtung SO, Foto: Stephan Röhl

Ausstieg aus dem Naturgipsabbau bis 2045!

Die Südharzer Gipskarstlandschaft ist weltweit einmalig. Der BUND fordert den Ausstieg aus dem Naturgipsabbau bis 2045.